Kalt, bitterkalt war es. Wie spitze Nadeln stach mir die Kälte ins Gesicht, als ich mich auf den vertrauten Weg an meiner geliebten Schule vorbei zu meiner besten Freundin machte. Dort sollte die Silvesterparty steigen. Angestrengt schaute ich zu Boden, tief in meinen riesigen Schal vergraben und um in der Dunkelheit nicht zu stolpern. Schnee knirschte unter meinen Füßen und ganz vereinzelt hörte man den Motor eines Autos schwerfällig anspringen. Eigentlich war das eine schöne Nacht.

Irgendwo ganz in der Nähe - War es hinter mir? War es über mir? - nahm ich eine Art Kratzen wahr. Es klang wie eine auf Eisen kratzende Nadel. Mein Blick tastete sich an den Gitterstäben des Hoftors zum Oskar-von-Miller-Gymnasium nach oben und erhaschte eine Bewegung. Langsam und schwerfällig wirkte sie. „Bestimmt nur ein Vogel“, versuchte ich mich selbst zu beruhigen und beschleunigte dennoch meinen Schritt. Eigentlich  wollte mir das Blut in den Adern gefrieren. Hinter mir war doch jemand, obwohl ich mich zuvor vergewissert hatte, dass auf dem Bürgersteig weit und breit keine Seele zu entdecken war. Langsam wie die Figuren eines Glockenspiels sich wenden und drehen blickte ich mich um. Messerscharfe Krallen, ein seidiges grau-weißes Fell, Zähne wie Dolche, aber irgendwie siegessichere, treue Augen erfasste mein Blick. „Hallo!“, drang eine fast zarte Stimme an mein Ohr. Ich wagte nicht, etwas zu sagen, denn dieses furchteinflößende Etwas war: die Wölfin vom Tor unserer Schule. Die steinerne Lupa! Und jetzt war sie lebendig. „Ich tue dir nichts!“, flüsterte sie. „Ich freue mich, eine Schülerin vom „Oskar“ zu treffen! Das bist du doch, oder?“  Endlich konnte ich wieder antworten: „Jja. Ja!“ Irgendwie konnte ich dem Wesen vertrauen, das fühlte ich. Fast wie mit einem Winken schien sie sich schon verabschieden zu wollen und zwängte sich durch die Eisenstäbe in das Innere des Pausenhofs. Ohne zu überlegen legte ich meinen Rucksack weg, gelangte durch die sich sanft öffnenden Gitterstäbe ebenfalls in den Schulhof und folgte der Wölfin magisch von ihr angezogen. Hinter dem Brunnen stoppte sie und richtete ihren Blick starr auf das Maximilians-Gymnasium. Fast hätte ich ihr Fell berühren können, da stockte mir der Atem; ich musste husten. „Versteck' dich!“, zischte Lupa mir zu. „Ja, verstecken! Das will ich auch!“ Obwohl ich keine Luft mehr bekomme, hechte ich zu einem der dicken Kastanienbäume, es muss der mit der beleuchteten Oskar-Turm-Girlande sein, und versuche vorsichtig ein- und wieder auszuatmen. Nach einer halben Minute ohne Luft stellt sich die Wirkung ein. Allmählich verstehe ich, was sich hier abspielt. Lupa und die steinernen Löwen des Maximilians-Gymnasiums stehen sich mittlerweile entschlossen und feindselig gegenüber. Aber steinern sind auch diese gewaltigen Tiere beileibe nicht. Sie leben. Genau wie Lupa! Das hier ist ein Kampf. Aber warum? Um Ehre? Wahrscheinlich. Aber wie soll die sanfte Lupa gegen die noch viel größeren Tiere gewinnen? Ich muss ihr helfen, nur wie? Langsam, mutig setzt sich Lupa nun in Bewegung, Schritt für Schritt nähert sie sich den Löwen. „Nein! Tu's nicht!“, schießt es mir durch den Kopf, aber sie kann mich ja nicht hören. „Ding dong dong, ding dong dong…!“ Alle starren mich an. Ich bin wie betäubt. „Verdammtes Handy!“, möchte ich schreien, aber ich kann nicht. Ich wage es nicht, einem von den Dreien in die Augen zu schauen. Ich wage es nicht zu blinzeln oder wegzurennen. Ich bin wie betäubt vor Angst. Aus den Augenwinkeln nehme ich in allen anwesenden Augenpaaren das Gleiche wahr: Erschrockenheit! Flackernde Augen! Nackte Angst bei den Mähnentieren, die sich plötzlich umwenden und fliehen. Mitternacht schlägt die Oskar-Turmuhr und blaue, rote und pinkfarbene Raketen erleuchten den Himmel und tauchen den Innenhof in ein gespenstisch verführerisches Licht. Langsam lasse ich mich zu Boden sinken.

„Warum hatten die Löwen Angst vor dem Klingeln des Handys?“, wollte ich Lupa fragen, aber da hastete sie schon an mir vorbei in Richtung Tor. „Danke!“, flüsterte sie. „Warte!“, rief ich, doch schon sprang Lupa zurück auf ihren Sockel, heulte noch einmal in die bunte Nacht hinaus und verwandelte sich in Stein. Leblos.

Marie-Theres Stieberger, 6a