„Bringt Euch ein, aber schaut erst genau hin.“

Sozialkunde hat Tradition am Oskar. Vor 50 Jahren begann der langjährige Lehrer am Alten Realgymnasium Adalbert Brunner als einer der ersten in Bayern das Fach Politische Bildung zu unterrichten und er wurde Ende der 1960er Jahre zum ersten Seminarlehrer für Sozialkunde überhaupt. Seine Schüler Christian Ude und Franz Maget erinnern sich bis heute an sein Credo: „Bringt Euch ein, aber schaut erst genau hin“.

Dieses Motto könnte auch als Kurzfassung über dem Lehrplan für Sozialkunde stehen. Dieser verlangt viel:  In einer Schulstunde pro Woche gilt es ab der 10. Jahrgangsstufe, die deutsche Gesellschaft und ihre politischen Institutionen kennenzulernen, demokratische Systeme und Diktaturen zu analysieren und die aktuelle Politik in Europa und der Welt zu verstehen. All dies als Basis für die „übergeordnete Zielsetzung“ des Lehrplans.  Das Fach Sozialkunde soll nämlich Schüler vor allem zu „eigenverantwortlichem Handeln, reflektierten Urteilen und Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft“ befähigen. Sie sollen sich also einbringen können, aber dies im Sinne Brunners reflektiert und als mündige Staatsbürger.

Für unseren Unterricht heißt dies, den Spagat zu schaffen zwischen der Vermittlung von politischem Grundwissen, offener Diskussion und aktuellen Bezügen. Denn ohne Eingehen auf die nationale und internationale Tagespolitik würde sich der Sozialkundeunterricht selbst ad absurdum führen und die Motivation der Schüler im Keim ersticken. Und natürlich soll gleichzeitig noch Zeit für Diskussionen bleiben, um deutlich zu machen, dass Kontroverse, Konsenssuche und Kompromissbereitschaft die Basis für unsere demokratische Ordnung sind. Im einstündigen Unterricht ist dieser Spagat eine ständige Herausforderung, der wir uns am Oskar jede Woche neu stellen.  Da hilft es, dass wir seit den Tagen von Adalbert Brunner Seminarschule für Sozialkunde gelieben sind und dadurch immer wieder ´jungen Input´ direkt von der Universität haben.  Aber auch außerhalb der Schule gilt es, Zeit und Raum für politisches Lernen zu schaffen.

Im Rahmen des sogenannten Model United Nations Projekts (MUN) lässt sich aktuelle Politik vielleicht am besten erfahren. Dabei handelt es sich um mehrtägige Simulationen der Jahresversammlung der Vereinten Nationen, die meist von internationalen Schulen organisiert werden. Unsere SchülerInnen aus den Jahrgangsstufen 10-12 haben so in den letzten fünf Jahren an Konferenzen in München, Augsburg, Stuttgart, Baden-Baden, Alkmaar, Athen, Kopenhagen und Edinburgh teilgenommen. Jede Schule vertritt dort die Position eines Landes und setzt sich vorher wochenlang mit dessen Interessen auseinander. Für vier Tage heißt es dann auf der Konferenz, die Rolle dieses Landes zu übernehmen, in verschiedenen Komitees dessen Standpunkte zu vertreten, Bündnispartner zu überzeugen und Lösungen für politische, wirtschaftliche und soziale Probleme zu finden. So erhieltenSchülerInnen des Oskars als Delegierte der Demokratischen Republik Kongo Einblicke in die afrikanische Realität, vertraten den Iran in Atomgesprächen mit der Weltgemeinschaft oder diskutierten als griechische Diplomaten die Finanzkrise im Euroraum.

Der dabei immer wieder zu leistende Perspektivenwechsel ermöglicht, dass „Herausbildung von Empathiefähigkeit und interkulturelle Toleranz“ nicht nur Worthülsen im Lehrplan bleiben.  Am deutlichsten wurde dies vielleicht auf einer Konferenz in Athen im Frühjahr 2014, auf der unsere Schüler als Vertreter Griechenlands in heftige Debatten mit den griechischen Schülern gerieten, die die Politik ihrer eigenen Regierung kritisierten. Wahrscheinlich keine schlechte Voraussetzung, um später selbst politisch Position beziehen zu können, ganz im Sinne Brunners:  „Bringt Euch ein, aber schaut erst genau hin“.